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Queer Museum Wien | Art Interview

Die Künstlergruppe rund um das “Queer Museum Wien” arbeitet am Aufbau des ersten queeren Museums in Wien. Einen fixen Standort haben sie noch nicht. Mit uns redet das Kollektiv, das 2020 eine bunte Eröffnungsperformance der viennacontemporary gemacht hat, über ihre Bemühnungen, die Bedeutung eines “Pride Months” und die Situation der LGTBQ+ Community in Wien und darüber hinaus. 

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Queer Museum Wien im Rahmen der Vienna Contemporary 2020. Image credits: Margarita Lukic.

Wie findet ihr Initiativen wie „Pride Month“  – reicht das, um die Bedürfnisse der LGTBQ Community zu adressieren oder läuft es Gefahr, zu etwas oberflächlichem abzudriften?

Es ist zwar schön und begrüßenswert, dass es die Gelegenheit gibt, unsere Anliegen noch deutlicher und mit mehr Reichweite zu vermitteln, aber natürlich reicht es nicht. Es bietet die Möglichkeit Aspekte, die unterm Jahr zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, in den Vordergrund zu rücken. Es ist schon viel passiert, aber nicht in allen Länder wird ein Pride Month so ausführlich zelebriert. Und sogar in MItteleuropa gewinnen fundamentale christliche Strömungen wieder an Boden, die erheblichen Einfluss auf die Regierungen haben. Man muss auch aufpassen, dass die legitimen Anliegen der Queer-Community wie etwa Gleichstellung nicht missbraucht werden: Viele Firmen und Parteien verwenden diese ausschließlich für ihr eigenes Marketing, im Englischen gibt es dafür den Begriff virtue signaling, das Zurschaustellen moralischer Überlegenheit, ohne konkreter Grundlage. 

” Es braucht mehr als eine nette Geste einmal im Jahr, um die Lebensrealitäten möglichst aller zu verbessern.

In vielen Großstädten wie Berlin, London und New York haben fixe Museen für Queere/ LGBTQ- Kunst – Ihr sucht, soweit ich weiß, immer noch nach einer fixen Location. Woran hapert es hier?

Derzeit sind wir in zahlreichen Institutionen immer wieder zu Gast, zum Beispiel im Belvedere oder im Volkskundemuseum. Es hapert in erster Linie am Geld. Oder einer Person bzw. Institution, die uns günstig einen Raum zur Verfügung stellt. Shout out an der Stelle an alle LeserInnen! Es muss nicht gleich zu Beginn eine fixe Location sein, es kann sich beispielsweise auch um eine Zwischennutzung handeln. Da sind wir relativ offen.

Ihr setzt euch vor allem mit der queeren Geschichte Wiens auseinander. Wie würdet ihr eure Arbeit und eure Ziele genauer beschreiben?

Im Bereich der Geschichte arbeiten wir eng mit QWIEN zusammen, dem Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte, die bereits jahrzehntelange Erfahrung und jede Menge Material zusammengetragen haben. Das Queere Museum Wien stellt einen Ort gegen die Geschichtslosigkeit von LGBTIQ+ dar. Es soll jungen Generationen von queeren Personen die Möglichkeit der Identitätsfindung und –bildung eröffnen und gegen Vereinzelung und Isolation auftreten.

” Es sollte zum Selbstverständnis einer Weltstadt im 21. Jahrhundert gehören, dass diese Geschichte und Traditionen, die Kunst und Kultur von LGBTIQ+ sichtbar gemacht und als Teil der Stadtgeschichte und –kultur wahrgenommen werden.

Was für Arten von Ausstellungen sind geplant?

Wir planen den Aufbau eines Ortes für queere Kulturgeschichte und Kunst und schaffen Öffentlichkeit für den Bedarf eines solchen Raums. Derzeit zu sehen gibt es diskursive, performative und aktivistische Veranstaltungen, die bereits Teil der Aufbau- und Konzeptionsphase sind. Unsere Strategie ist es, einerseits zu behaupten das Queer Museum Vienna gäbe es schon, andererseits erst die Grundsteine für dieses zu bauen, während diese Behauptung in den Raum gestellt wird. Wir suchen Kontakt zu den verschiedenen communities aus der Kunstwelt, unter HistorikerInnen, Menschen in queeren Kontexten und arbeiten in Folge mit dem so gewonnenen Feedback, im Rahmen unserer Ressourcen und Fähigkeiten.

Gibt es sowas wie „queere Kunst?“ Wie würdet ihr sie charakterisieren?  Wächst der Markt?

Es gibt zahlreiche KünstlerInnen, die ihre Arbeit als queere Kunst bezeichnen. Tatsächlich ist das aber trotzdem eine der vielen Fragen, die wir stellen möchten. Auch, ob es sinnvoll ist, für queere Kunst, museologisch gesprochen, ein Partikularmuseum zu schaffen. Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass es notwendig ist, um diese Themen diskutieren zu können, gewisse Sachverhalte erst einmal zu benennen. Wir möchten ein Spannungsfeld aufmachen, das zwischen den beiden (eigentlich widersprüchlichen) Begriffen Queer und Museum entsteht, sobald diese auf dem Tisch sind.

Was den Markt betrifft: Queerness hat mitunter einen antikapitalistischen Charakter, stellt sich quer gegenüber gesellschaftlich tradierten Normen. Der Markt und Marktwert ist für uns definitiv keine relevante Kategorie, vielmehr interessiert uns die gesellschaftspolitische Komponente.

” Wenn einige wenige künstlerische Positionen kommerziell erfolgreich sind, ändert das noch wenig an der Lebensrealität von Vielen, die von Diskriminierung und Ausschluss geprägt ist. 

Queer Museum Wien im Rahmen der Vienna Contemporary 2020. Image credits: Margarita Lukic.

Von außen betrachtet wirkt der Diskurs der Community doch oft auch von weißen Männern dominiert – wie achtet man auf Gleichheit auch bezüglich Geschlecht, Ethnizität, etc innerhalb der Community?

Der Schein trügt nicht. Tatsache ist, die Kunstwelt wird ganz klar von weißen Männern dominiert. Diese haben gesellschaftlich die meisten Privilegien, auch in Österreich sind diese die bekanntesten Persönlichkeiten. Auch bei uns gibt es in diesem Bereich Verbesserungsbedarf. Kulturelle Teilhabe und unbezahlte Arbeit sind immer auch unter dem Blickpunkt der Klasse, sozialen Herkunft und des finanziellen Kapitals zu betrachten. In diesem Bereich braucht es dringend mehr Förderungen und monetäre Unterstützung. Auch auf gesetzlicher Ebene in Sachen Gleichbehandlung und Gleichwertigkeit von Menschen aus der LGTBQ community gibt es Luft nach oben.

Dennoch könnte man sagen, dass Queerness in der Kunst doch höhere Akzeptanz zukommt Akzeptanz als in anderen Sparten. Wieso ist das so?

Ja, Kunst kommt eine gewisse Sonderstellung zu. Kunst nutzt andere Kanäle. Tendenziell ist die Akzeptanz größer, auf der anderen Seite sind die Positionen mit größter Sichtbarkeit und kommerziellem Erfolg immer noch weiße, schwule Männer. Die Einschränkung besteht oft mehr in den Ressourcen, die den KünstlerInnen zur Verfügung stehen als dem Wunsch oder Willen künstlerische Arbeiten zu produzieren. Geld bedeutet ja durchaus auch Handlungsspielraum. Etwa ist es möglich, dass prekäre Arbeitsverhältnisse und hohes gesellschaftliches standing parallel existieren. Speziell bei sozialkritischen Themen nimmt diese Akzeptanz aber rapide ab.

Wie steht Österreichs Hauptstadt im internationalen Vergleich dar?

Im internationalen Vergleich performt Wien mittelmäßig; Es gibt viele positive Entwicklungen, allerdings würde es, gerade im Vergleich zu Städten wie Barcelona, Berlin und New York mutigere Schritte von Seiten der einzelnen AkteurInnen, aber auch der Politk brauchen.

Was muss noch passieren für die LGTBQ Community? Wie kann Kunst da helfen?

Viele Dinge, zum Beispiel die vollständige rechtliche Gleichstellung, die Anerkennung als Fluchtgrund von LGBTIQ-Personen, eine Ende von Ächtung, Ausschluss und Verfolgung, von Versteck und Scham. Kunst und vor allem Künstler_innen können mit ihrem gesellschaftlichem Kapital als Türöffner_innen gegenüber der Politik und möglichen Spender_innen fungieren und mit ihren Netzwerken dazu beitragen, dass diese Entwicklung schneller vonstatten geht.

Außerdem können sie dem Queer Museum spenden:
paypal.me/queermuseumvienna


Queer Museum Wien | Art Interview

The group of artists comprising the “Queer Museum Vienna” is working on setting up the first queer museum in Vienna. They don’t have a fixed location yet. The collective, which made a colorful opening performance of viennacontemporary in 2020, talked to us about their goals, the importance of a “Pride Month”, and the situation of the LGTBQ + community in Vienna and beyond. 

Queer Museum Wien at Vienna Contemporary 2020. Image credits: Margarita Lukic.

What is your opinion on initiatives like “Pride Month” – is that enough effort for addressing the needs of the LGTBQ community or does it run the risk of becoming one big superficial party?

It is a nice initiative and we welcome the opportunity to convey our concerns even more clearly and to a greater audience, but of course it is not enough. It offers the opportunity to focus on aspects that receive too little attention during the year. A lot has already happened, but not all countries celebrate Pride Month so extensively. And even in Central Europe, fundamental Christian currents with significant influence on governments are regaining ground. You also have to be careful that the legitimate concerns of the queer community, such as equality, are not abused: Many companies and parties use Pride Month exclusively for their own marketing, in English there is the term “virtue signaling”, the display of moral superiority without a concrete basis.

” It takes more than a nice gesture once a year to improve the realities of life for ideally all people. 

Many big cities like Berlin, London and New York have fixed museums for queer / LGBTQ art, while you are still looking for a fixed location. What seems to be the problem here?

We are currently hosting pop-up exhibitions in numerous institutions, for example the Belvedere or the Volkskundemuseum. First and foremost, there is a lack of money. Or of a person or institution that provides us with a room at a reasonable price. Shout out to all readers at this point! It does not have to be a fixed location right from the start; it can also be a temporary use, for example. We’re relatively open on that.

You mainly deal with the queer history of Vienna. How would you describe your work and your goals in more detail?

In the area of ​​history, we work closely with QWIEN, the center for gay / lesbian culture and history, who have already gathered decades of experience and a great deal of material. The Queer Museum Vienna aims to be a place opposing the current lack of history on LGBTIQ+. It is intended to give young generations of queer people the opportunity to find and form identities and to act against isolation and loneliness.

” It should be a central part of the self-image of a 21st century cosmopolitan city to make visible the history and traditions, the art and culture of LGBTIQ + so that they are perceived as part of the city’s history and culture.

What kind of exhibitions are you planning? 

We plan to build a place for queer cultural history and art and create publicity for the need of having such a space. There are currently discursive, performative and activist events that are already part of the current development and conception phase. Our strategy is on the one hand to claim that the Queer Museum Vienna already exists, on the other hand to first build the foundations for it while the claim we made is already out there. We seek contact with the various communities from the art world, historians, people in queer contexts, and consequently work with the feedback obtained in this way, within the framework of our resources and skills. 

Is there such a thing as “queer art?” How would you characterize it? 

There are numerous artists who describe their work as queer art. But it is so diverse that in fact, that’s one of the many questions we’d like to ask. Also whether it makes sense to create a particular museum for queer art, museologically speaking. Basically, we are of the opinion that in order to be able to discuss these topics it is necessary to first name certain facts. We want to open up a field of tension that arises between the two (actually contradicting) terms “queer” and “museum” as soon as they are on the table. 

Is the market growing?
Queerness sometimes has an anti-capitalist character. It opposes socially traditional norms. The market and market value are definitely not a relevant category for us, we are more interested in the socio-political component.

” If a few artistic positions are commercially successful, that changes little in the reality of life for many, which is characterized by discrimination and exclusion. 

Queer Museum Wien at Vienna Contemporary 2020. Image credits: Margarita Lukic.

Seen from the outside, the discourse of the community often seems dominated by white men – how do you pay attention to equality in terms of gender, ethnicity, etc within the community?

This impression is correct. In fact, the art world overall is clearly dominated by white men. They have the most privileges in society, and they are the best-known personalities in Austria as well. We also have room for improvement in this area. Cultural participation and unpaid work must always be viewed with consideration of social class, origin, and financial capital. In this area there is an urgent need for more funding and monetary support. There is also room for improvement at the legal level in terms of equal treatment and equality of people from the LGTBQ community. 

How does Austria’s capital compare internationally? 

In an international comparison, Vienna performs mediocre; There are many positive developments, however, especially in comparison to cities like Barcelona, Berlin, and New York, it would take more courageous steps on the part of the individual stakeholders, but also of politics. 

One could say that queerness is more widely accepted in art than in other fields. Why is that so? 

Yes, art has a certain special status. Art uses other channels. There is a tendency for greater acceptance, on the other hand, the positions with the greatest visibility and commercial success are still white, gay men, as already stated. The limitation is often rather caused by a lack of resources available to the artist than the desire or will to produce artistic work. Money also means freedom of action. For example, it is possible that precarious working conditions and high social standing exist in parallel. However, the more socially critical the subject, the more rapidly the acceptance is declining. 

What still has to happen for the LGTBQ community? How can art help?

We are lacking, for example, full legal equality, or the recognition of refugee status on the basis of being LGBTIQ. We want an end to ostracism, exclusion and persecution, to hiding and shame. With their social capital, art and, above all, artists can act as door openers to politics and possible donors and, with their networks, contribute to this development taking place more quickly.

You can also donate to the Queer Museum: paypal.me/queermuseumvienna

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