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Jaanus Samma | Artist Interview

Der Künstler Jaanus Samma (1982) lebt in Tallinn, Estland, wo er von der Galerie Temnikova & Kasela vertreten wird. Sammas Arbeiten und Forschungen beziehen sich größtenteils auf Gender Studies und die Darstellung männlicher Sexualität. Um zu untersuchen, wie diese Themen in der Kunst diskutiert und dargestellt werden können, verbindet er Feldforschung – Interviews und Archivrecherchen – mit subjektiver künstlerischer Praxis auf der Grundlage seiner Erkenntnisse. 2015 vertrat Samma Estland auf der 56. Biennale von Venedig und wurde mit dem Köler-Preis des Estnischen Museums für zeitgenössische Kunst ausgezeichnet. Wir haben mit ihm über seine Kunst und die Situation der LGBTQ-Communitys im Baltikum gesprochen. 

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Jaanus Samma. Photo: Martin Rünk

Ein Großteil deiner Kunst beschäftigt sich mit versteckten Sexualitäten und Identitäten in der Sowjetunion – kannst du uns in deinen eigenen Worten von deiner Arbeit erzählen? Wie ist dieses Interesse entstanden? 

Geschichte ist etwas, um das es in meiner Kunst schon immer ging, aber derzeit beschäftigt mich vor allem die Frage, wie Geschichte konstruiert wird – welche Entscheidungen getroffen wurden, welche Stimmen untergraben wurden, was verborgen blieb.

” Inzwischen gibt es genügend HistorikerInnen, die estnische queere Geschichte erforschen, und einige Artikel wurden bereits veröffentlicht, aber als ich vor zehn Jahren anfing, mich mit dem Thema zu beschäftigen, standen nur sehr wenige Ressourcen zur Verfügung.

Aus Neugierde begann ich, ältere schwule Männer zu interviewen, um mehr über ihr Leben in der Sowjetzeit zu erfahren, als Sex zwischen Männern strafbar war. 

Dennoch fand viel versteckter Austausch statt – mit diesem Thema hast du dich in der Installation Riga Postcards bei der Riga Biennale beschäftigt. Worum ging es hier?

Oft sind größere Städte attraktive Orte für Cruises und anonyme Sexdates. dass sie manchmal nach Leningrad – heute St. Petersburg –, Moskau und Riga, letztere gilt als die Hauptstadt des Baltikums. Wenn schwule Männer aus den Nachbarländern zum Arbeiten oder Sightseeing dorthin reisten, nutzten sie oft die Gelegenheit zu ungezwungenen sexuellen Begegnungen. Riga Postcards ist eine Installation, die eine utopische Reisemesse der 1970er und 1980er Jahre darstellt, die Riga als schwules Touristenziel während der Sowjetzeit zeigt. Als ich eingeladen wurde, in Lettland und Riga zu recherchieren, fühlte ich mich etwas unwohl, ich wollte nicht zu oberflächlich über ein intimes Thema recherchieren und dann einfach meine Kunstwerke machen und gehen. Also habe ich mit lettischen ExpertInnen zu queeren Sexualitäten zusammengearbeitet und mich entschieden, diesen ehrlichen touristischen Ansatz dieser Orte auch in meiner Ausstellung zu verwenden. 

Installation view Jaanus Samma, Riga Postcards. Photo by Hedi Jaansoo

Ein wiederkehrendes Element in Ihrer Arbeit ist eine der öffentlichen Toiletten, ein weiteres Symbol für verdrängte und „versteckte“ Sexualitäten. 

Die Toiletten waren Orte, an denen sich Menschen, die von der Gesellschaft verdrängt wurden, treffen und freier sein konnten. Interessant ist, wie hier Zentrum und Peripherie ineinandergreifen: Öffentliche Toiletten, die für Gay-Communitys wichtig waren, befanden sich meist im Zentrum der Städte, direkt auf den Hauptplätzen, schienen aber für das Gesetz unsichtbar zu sein. Eine Art Nicht-Raum. Als ich in die Archive ging, konnte ich auch keine Fotos dieser Räume finden, obwohl alle umliegenden Gebäude umfassend dokumentiert sind. 

Als hätten sie nie existiert? 

Ja. Auch in Outhouse by the Church, meiner ersten Ausstellung in Rom, habe ich mich auf das Randthema der öffentlichen Toiletten konzentriert. In diesem Fall ein historisches Nebengebäude in einem Dorf in Estland neben einer Kirche aus dem 18. Jahrhundert – ein bescheidener Holzbau, der vermutlich 1916 erbaut wurde. Seine Innenwände waren großflächig mit Kritzeleien wie Namen und Daten, Versen aus Gesangbüchern, und allen möglichen Obszönitäten und Schüttelverse über persönliche Hygiene. Diese Kritzeleien, hauptsächlich aus den 1920er und 1930er Jahren, charakterisieren eine Zeit, in der diese alleinstehende Kirche ein wichtiges Gemeindezentrum war, ein Ort, an dem sich die meisten Menschen in der Gegend trafen und Kontakte knüpften. Das Nebengebäude neben der Kirche ist, aufgrund seiner Widersprüchlichkeit zwischen privatem und öffentlichem Raum zugleich, ein guter Ort für so etwas. Es scheint, als ob das Plumpsklo der Jugend von Kodavere und Umgebung als Ablass diente, wo sie die in der ernsten Atmosphäre des Gotteshauses zurückgehaltene Energie freisetzen konnten. Diese Toilette in Rom zu zeigen, wo alles so schön und antik ist, stellte einen schönen Widerspruch dar und wirft die wichtige Frage auf, wer entscheidet, was schön und wichtig ist.

Installation View Outhouse by the Church, courtesy of the artist

Wieso findest du es wichtig, diese Geschichte wieder aufzurollen und in der Kunst sichtbar zu machen? 

Hier in Estland sehen gewisse rechte, nationalistische Kräfte “queere” Tendenzen als einen sehr westlichen Trend, als eine völlig neue Lebensweise. Ich denke, es ist immer wichtig, aufzuzeigen, dass es überhaupt nichts Neues ist. Es ist immer interessant, die verschiedenen Schichten einer Stadt oder Region zu erforschen. Je tiefer man vordringt, desto mehr merkt man, wie vielfältig und reich die Kultur schon immer war.

Kannst du deinen Arbeitsprozess beschreiben? 

Ich beginne selbst mit der Recherche, mache gerne Interviews, arbeite in Archiven und Bibliotheken, habe aber auch verstanden, dass man manchmal nicht alles alleine machen kann. Daher ist es für mich interessant, mit professionellen HistorikerInnen und ForscherInnen zusammenzuarbeiten, weil ich denke, dass sich künstlerische und wissenschaftliche Ansätze ergänzen und verschiedene Dinge oder gleiche Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln herausfinden können. 

Ist es in Estland immer noch eine Herausforderung, LGBTQ*-Geschichten in den Fokus zu rücken und nicht-binäre und queere Erfahrungen hervorzuheben?

Ich denke, insgesamt nimmt die Toleranz der estnischen Gesellschaft zu. Wir erleben immer noch Unwissenheit und sogar Hass, aber ich denke, die Dinge werden besser. Als ich meine Ausstellung aus dem Pavillon der Biennale in Venedig, in sich mit Geschichtsfragmenten Estlands im Umgang mit Homosexualität während der Sowjetzeit befasst, dann hier in Tallinn gezeigt habe, waren die Leute etwas … verwirrt. Aber ich hatte meistens Glück und habe schon viele positive Überraschungen erlebt. Ich habe zum Beispiel eine Serie mit Sweaters gemacht, die obszöne Muster zeigen – Penisse und dergleichen. Diese Pullover werden von älteren Frauen hergestellt, die ihr Handwerk gut verstehen und ich hatte ein bisschen Angst vor dem, was sie sagen würden. Aber sie interessierten sich nur für technische Fragen, etwa wie man diesen Penis realer erscheinen lassen kann. Also ja, die positiven Überraschungen überwiegen.

Act 1. From series of knitwear with picture patterns, 2012–
Jaanus Saama
Hair Susks! From series of knitwear with picture patterns, 2012–
Jaanus Saama

Wie sehen Sie die Zukunft der queeren Kunst in der Region? 

Ich betrachte meine Arbeit nicht nur als „queere Kunst“ – ja, ich arbeite mit queeren Themen, aber ich versuche immer, an universelle Werte zu appellieren, sodass meine Kunst allgemein zugänglich ist und von jedem verstanden werden kann.

” Generell würde ich mich freuen, wenn Kunst im Allgemeinen, werde sie als “queer” oder sonstwie bezeichnet, mehr Aufmerksamkeit bekommt und eine größere Rolle in der Gesellschaft einnimmt.

Ist zeitgenössische Kunst denn auf dem Vormarsch in Estland? 

Ich würde das schon sagen. Corona und vielleicht auch das wachsende ökologische Bewusstsein haben den Trend vorangetrieben, dass sich die Menschen mehr für das Geschehen in der umliegenden Region interessieren. Dadurch entstehen stärkere Gemeinschaften in der Kunstszene, was auch zu besseren Ergebnissen führt.

Warst du schon in Wien? Wie bewertest du die lokale Kunstszene von außen?

Meine Galerie, Temnikova & Kasela, hat an der viennacontemporary teilgenommen, ich denke, es war eine der ersten Messen, die sie je gemacht haben. Ich arbeite jetzt seit sechs Jahren mit ihnen zusammen und sie unterstützen mich immer sehr bei dem, was ich tue – nicht nur auf beruflicher Ebene, im Laufe der Jahre hat sich daraus eine Freundschaft und ein tieferes Verständnis entwickelt.

Was steht bei dir als nächstes an?

In letzter Zeit interessiere ich mich für Nationalmuseen und dafür, dass Museumsinstitutionen so viel Macht haben, die offizielle Version von Geschichte und Identitäten zu etablieren. In Museumsausstellungen werden Alltagsgegenstände und abgetrennte Geschichtsstücke zu kanonischen Dokumenten. Die Objekte und Erzählungen werden oft von Normen, Bräuchen, Idealen und ihrem kulturellen Kontext eingerahmt. Im Moment arbeite ich an der Ausstellung, die nächstes Jahr im Estnischen Museum für angewandte Kunst und Design stattfinden soll, wo ich meine Werke zusammen mit ihrer Sammlung zeigen möchte. 

www.jaanussamma.eu


Jaanus Samma | Artist Interview

Jaanus Samma (1982) is a visual artist based in Tallinn, Estonia, and represented by Temnikova & Kasela Gallery. Over the years, Samma’s interests and research have become focused on gender studies and the representation of male sexuality. Investigating how these issues can be discussed and portrayed in art, he combines fieldwork – interviews and archival research – with subjective artistic practice based on his findings. Samma represented Estonia at the 56th Venice Biennale in 2015 and was awarded the Köler Prize by the Contemporary Art Museum of Estonia. We talked to him about his art and the current situation regarding LGBTQ communities in the Baltics. 

Jaanus Samma. Photo: Martin Rünk

A lot of your art focuses on hidden sexualities and identities in the Soviet Union – can you tell us about your work in your own words? How did this interest arise?

History is something that my art has always been about, but currently, I have shifted towards the questions of how history is constructed and what choices have been made, what has been undermined, what has been hidden.

” By now, there are a number of historians that research Estonian queer history, and some papers have already been published, but ten years ago, when I started working on the topic, very few resources were available.

Inspired by curiosity, I began interviewing older gay men to learn about their lives in the Soviet period when sex between men was punishable by law.

Still, a lot of secret exchanges took place – you addressed this subject in the installation Riga Postcards at the 2nd Riga International Biennial of Contemporary Art.

Often, bigger cities are more attractive for cruising and sex dates, so when I did interviews here in Estonia, the men told me that sometimes they went to Leningrad – now St. Petersburg –, Moscow, and Riga, the latter being considered the capital of the Baltics. When gay men from neighboring countries traveled there for work or sightseeing, they often used the opportunity for casual sexual encounters. Riga Postcards is an installation that depicts a utopian 1970s–1980s travel fair that features Riga as a gay tourist destination during the Soviet period. When I was invited to research in Latvia and Riga in particular, I felt a bit uncomfortable, because I didn’t want to do superficial research about an intimate topic and then just do my artwork and leave. So, I worked with Latvian experts on queer sexualities and decided to use this honest tourist approach of these places in my exhibition as well.

Installation view Jaanus Samma, Riga Postcards. Photo by Hedi Jaansoo

A recurring element in your work is the image of public toilets, another symbol of repressed and “hidden” sexualities. 

The toilets were places where people that were pushed from society could meet each other and could be freer. What is interesting is to see how the center and periphery interlink here: Public toilets that were important for gay communities were mostly located in the center of the cities, often on the main squares. We can see them as a kind of non-spaces. When I continued my research about public toilets in numerous archives, I could hardly find any photos of these spaces, even though there is plenty of material on everything surrounding them. 

Like they never existed? 

Yes. Also in Outhouse by the Church, my first exhibition in Rome, I focused on the marginal subject of public toilets. In this case, a historic outhouse in a village in Estonia located next to an 18th-century church. The outhouse next to St. Michael’s Church in Kodavere, Estonia, was a modest wood structure presumably built in 1916. Its interior walls were extensively covered with scrawls such as names and dates, verses from hymnals, all kinds of obscenities, and doggerel about personal hygiene. These scribblings, mainly from the 1920s and 1930s, characterize a time when this lone church was an important community center, a place where most people in the area met and socialized. The outhouse next to the church, due to its contradictory nature of being both private as well as public space at the same time is a good place for such a thing. It seems as though the outhouse served as a venting place among the youth of Kodavere and its surrounding areas where they were able to release the energy restrained in the serious atmosphere of the place of worship. Showing it in Rome, where everything is so beautiful and antique, posed a nice contradiction and raised the important question of who decides what is beautiful and important.  

Installation View Outhouse by the Church, courtesy of the artist

Why, in your opinion, is it important to re-address this history and make it visible in art?

Here in Estonia, certain right-wing, nationalistic forces see “queer” tendencies as a very Western trend, as a brand-new way of living. I think it’s always important to share that it’s nothing new at all. It is always interesting to research the different layers of a city or region. The deeper you get, the more you realize how diverse and rich the culture has been for a very long time.

How do you usually go about your work?

I like doing interviews, working in archives and libraries, but I have also understood that sometimes you can’t do everything by yourself. So for me, it’s interesting to work together with professional historians and researchers, because I think that artistic and academic approaches can complement each other and help to discover different things, or the same things from different angles. 

Is bringing LGBTQ* histories to focus and highlighting nonbinary and queer experiences still challenging in Estonia? 

I think overall, the tolerance of Estonian society is increasing. We are still witnessing ignorance and even hate, but I think things are getting better. When I showed my exhibition from the Venice Biennale Pavillion, which researches gay history in Estonia during the Soviet era, here in Tallinn, people were a bit….confused. Overall, I have been lucky and had many positive surprises. For example, I had a series with sweaters that depict obscene patterns – penises and the like. These sweaters are produced by elderly women who know their craft well and I was a bit afraid of what they would say. But they were just interested in technical questions, like how to make this penis appear more real.

Act 1. From series of knitwear with picture patterns, 2012–
Jaanus Samma
Hair Sucks! From series of knitwear with picture patterns, 2012–
Jaanus Samma

How do you see the future of queer art in the region?

I don’t consider my work as only “queer art” – I work with queer topics, but I always work with universal values to make it accessible and understandable for everyone.

” In general, I would be happy if art in general, may it be labeled queer or anything else, gets more attention and plays a bigger role in society. 

Is contemporary art on the rise in Estonia?

I would say yes. Corona and maybe ecological awareness have pushed the trend that people are more interested in what is happening in their local region. This helps to create stronger communities in the art scene, which also leads to better outcomes.  

Have you been to Vienna?

My gallery, Temnikova & Kasela Gallery, has participated in viennacontemporary and I think it was one of the first fairs they ever did. 

I have been working with them for six years now, and they are always very supportive of what I do, not only on a professional level, but over the years it has developed into a friendship and deeper understanding.

What’s up next for you?

Lately I have been interested in national museums and how museums and educational institutions have so much power in establishing the official version of history and identities. In museum displays, everyday objects and detached pieces of history become canonical documents. The objects and narratives are often framed by norms, customs, ideals, and their cultural context. At the moment, I am working on an exhibition which will be shown next year at the Estonian Museum of Applied Art and Design, where I plan to display my works alongside their collection.

www.jaanussamma.eu

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